Bei der Risikoberechnung nicht berücksichtigte Risikofaktoren 

Das kardiovaskuläre Gesamtrisiko ist bei einigen Patienten höher als mit den Algorithmen oder Score-Tabellen (von AGLA bzw. ESC/EAS) bestimmt, wenn weitere, bei diesen Verfahren nicht berücksichtigte Risikofaktoren oder -marker vorhanden sind.

Folgende Faktoren können zur weiteren Risiko-Stratifizierung berücksichtigt werden: 

Risikomarker /-faktoren Kommentar
Positive Familienanamnese bezüglich frühzeitigen kardiovaskulären Erkrankungen bei Verwandten 1. Grades (<55 J. bei Männern bzw. <65 J. bei Frauen; im AGLA-Score bereits berücksichtigt, nicht aber im ESC/EAS-Score) Die Familienanamnese ist Teil der Risikoanamnese. Genetische Beratung und systematische Suche nach weiteren betroffenen Familienangehörigen durch Kaskadenscreening sind insbesondere empfohlen bei Verdacht auf Familiäre Hypercholesterinämie.
Psychosoziale Risikofaktoren Niedriger sozio-ökonomischer Status; Stress bei der Arbeit und in der Familie; Schlafstörungen; posttraumatische und andere psychiatrische Erkrankungen wie Depression, Angsterkrankungen etc.
Weitere Lipidparameter
  • non-HDL-C
non-HDL-C kann ohne Zusatzkosten berechnet werden und sollte mit jedem Lipidstatus mitberichtet werden. Ergänzt Information von LDL-C insbesondere bei Hypertriglyzeridämie. Indikationen und Zielwerte.
  • Apolipoproteine A1 und B
ApoA1 ist das hauptsächliche Apolipoprotein von HDL, ApoB dasjenige von LDL.
Gleichwertige Marker wie HDL-C bzw. LDL-C oder non-HDL-C. Vorteil der besseren Standardisierung. Nachteile sind höhere Kosten und geringere klinische Erfahrung. Indikationen und Zielwerte.
  • Cholesterin/HDL-C- und ApoB/ApoA1-Quotienten
Wegen der Gefahr der Risiko-Unterschätzung bei hohem HDL-C- oder ApoA1-Spiegel nicht empfohlen.
  • Lipoprotein(a)
Hohe Konzentrationen von Lp(a) sind kausal mit erhöhten Risiken für KHK, PAVK, ischämischem Schlaganfall, Aortenklappenverkalkung und eventuell venösen Thromboembolien assoziiert. Indikationen und Risikoschwellenwert.
Weitere Biomarker
  • hs-CRP
Laut Meta-Analysen keine Verbesserung der Risikovorhersage bei zusätzlicher Verwendung zu klassischen Risikofaktoren.
  • Albuminurie
Bei Diabetes-Patienten
  • BNP/NT-proBNP;
    sensitives kardiales Troponin
Routinemässig werden diese Parameter nicht zur Risiko- Stratifizierung hinzugezogen. Die Parameter sind laut Leitlinien für Diagnose, Prognose und Risikostratifizierung von symptomatischen Patienten vorgesehen. Viele Studien zeigten deren unabhängigen Assoziationen mit der Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse bei Patienten mit stabiler KHK oder asymptomatischen Patienten. Insbesondere NT-proBNP verbessert die Risikovorhersage durch klassische Risikofaktoren.
Metabolisches Syndrom
Definition nach American Diabetes Association: Vorliegen von drei oder mehr der nachfolgenden Bedingungen
  • Taillenumfang
    >88 cm (Frauen)
    >102 cm (Männer)
  • Blutzucker ≥5.6 mmol/l
  • Blutdruck ≥130/85 mmHg
  • Triglyzeride ≥1.7 mmol/l
  • HDL-Cholesterin
    <1.3 mmol/l (Frauen)/
    <1.0 mmol/l (Männer)
Im Vergleich zu Nicht-Betroffenen haben Patienten mit einem Metabolischen Syndrom ein 2-fach erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und ein 5-fach erhöhtes Risiko, einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln.
Bildgebungsverfahren
  • Zur Erfassung präklinischer Gefässschäden und zum Verlaufsmonitoring
  • Kardiale Computertomografie (Calcium-Score)
  • Karotis-Sonografie zur Evaluation atherosklerotischer Plaques (nicht aussagekräftig ist die Messung der Intima-Media-Dicke)
Routinemässig werden diese Parameter nicht zur Risiko- Stratifizierung hinzugezogen; ihr Einsatz kann erwogen werden bei Patienten, bei denen mehrere Risikofaktoren im Grenz- wertbereich liegen oder ein moderates Risiko vorliegt. Nachweis asymptomatischer Atherosklerose bei Patienten mit Familiärer Hypercholesterinämie.


 
Knöchel-Arm-Index* (ABI) als Indikator für PAVK; 
* Quotient aus Blutdruck am Unterschenkel und Blutdruck am Oberarm.
ein ABI <0.9 bedeutet ≥ 50% Stenose zwischen Aorta und distalen Beinarterien.
Erektile Dysfunktion Bei Männern mit erektiler Dysfunktion sollen Risikofaktoren und Symptome kardiovaskulärer Erkrankungen eruiert werden.
Parodontitis Die klinische Bedeutung einer Parodontitistherapie bleibt hinsichtlich kardiovaskulärem Risiko unklar.
Influenza Eine vorsorgliche Influenza-Impfung wird bei Patienten mit manifester kardiovaskulärer Erkrankung empfohlen.
Autoimmun- oder Entzündungserkrankungen
Rheumatoide Arthritis, ankylosierende Spondylitis, schwere Psorias
Bei Rheumatoider Arthritis kann das kardiovaskuläre Risiko um den Faktor 1.5 erhöht werden, v.a. bei hoher Krankheitsaktivität. Ob bei anderen immunologischen Entzündungserkrankungen eine Risikoanpassung vorgenommen werden soll, muss patientenspezifisch beurteilt werden, abhängig vom Schwere- und Aktivitätsgrad der Erkrankung; auf jeden Fall gilt es, die Interaktionen zwischen Risikofaktoren-Therapeutika und Entzündungshemmern resp. Immunsuppressiva genau zu prüfen.